Lesermeinung auf: www.neuebücher.de

„Ostwind? Ja, warum eigentlich nicht ? Aus dem Osten kommen wir fast alle und Wind haben wir im Laufe der Jahre auch reichlich gemacht. Ein warmer Wind trug uns durch unsere kindheit und Jugend. Es gab Windböen, die uns die Flügel durchschüttelten, ohne sie wirklich zu zerstören. Laue Lüftchen sorgten für Besinnlichkeit, Geborgenheit und kühle für Erfrischung oder auch Ernüchterung. „Diese Zitat beschreibt so ziehmlich alles, was „Ostwind“ ausmacht. Nicht nur eine wirklich durch und durch interessante Geschichte, sondern auch Form und Inhalt stimmen vollkommen überein. Die Worte sitzen. Die mannigfaltigen Bilder passen zum Stil, der Stil zum Inhalt, der Inhalt zu den Bildern. Und trotzdem verfällt die Autorin nie ins zu blumig-übertriebene, genauso wenig wie in eine zu nüchtern-distanzierte Darstellung. Herrlich lesbar für all jene die sich nicht nur eine Namenlose Geschichtsdokumentation über das Leben in der DDR zu Gemüte führen wollen, sondern sich für die kleinen Wunderlichkeiten hinter der Fassade interessieren.

Leseprobe

Aufgewachsen in der DDR, begegnet mir bereits mit 15 Jahren die Liebe meines Lebens. Durch Geschichte und Weltgeschehen sensibilisiert, prägt sich mein ganz persönliches Weltbild. Der Traum vom Fliegen und das Leben an einem NVA-Standort stellen mich vor große Herausforderungen. Wir leben, lieben, kämpfen, Siege und Niederlagen folgen. Bittere Erkenntnisse, die Hoffnung, die zuletzt stirbt, die „Wende“, das Ende, die che nach einem neuen Weg. Nach 35 gemeinsamen Jahren schaue ich zurück. AAVAA Verlag UG (haftungsbeschränkt)
www.aavaa-verlag.de ISBN 978-3-86254-342-7
Ostwind oder Zwei Himmelsstürmer und ihre ganz persönlichen Katastrophen Zu größerer Klarheit über seine Gedankengelangt man, indem man sie anderenklar zu machen sucht

Joseph Unger

Willst du über andere siegen, dann besiege dich erst selbst.

Willst du andere beurteilen, dann beurteile dich erst selbst.

Willst du andere erkennen, dann erkenne dich erst selbst.
Asiatische Weisheit Dieses Buch richtet sich an all jene, die erfahren oder verstehen möchten und bereit sind, über diese sprichwörtliche Brücke, weiter aufeinander zuzugehen. Einleitung Nun liegt sie hinter uns, die große Feier, auf die wir so viele Wochen hingearbeitet hatten: _ 50. Geburtstage, Einweihung unserer Villa Kunterbunt und der feste Glaube an die Genesung. _ Viele Freunde, aus allen Teilen des Landes waren angereist, um mit uns gemeinsam zu feiern. Das Fest wurde zum vollen Erfolg. Ein Höhepunkt – der Auftritt des Musikers „Hans die Geige“ – der sowohl Ohrenschmaus war als auch Gänsehautfeeling verursachte. Mein ganz persönliches Geschenk an sie und besonders meinen Mann, Dirk. Auch Wanda und Gerrit aus Holland waren zu Besuch. Ich lernte sie vor einigen Jahren als Dirks Kollegen kennen. Mittlerweile verbindet uns, auch wenn wir uns leider viel zu selten sehen, eine ostdeutsch-holländische Freundschaft. Viele Geschichten von „damals“, lustig sowie auch nachdenklich, wurden im Laufe des Abends zum Besten gegeben. Auch ich hatte, wie immer, recht viel zu erzählen. Gerrit sagte zu vorgerückter Stunde zu mir: „Michaela, du solltest ein Buch schreiben.“ Er hatte sogar schon den Titel parat: „Ostwind“ würde ich es nennen! Ostwind? Ja, warum eigentlich nicht? Aus dem Osten kommen wir fast alle und Wind haben wir im Laufe der Jahre auch reichlich gemacht. Ein warmer Wind trug uns durch unsere Kindheit und Jugend. Es gab Windböen, die uns die Flügel durchschüttelten, ohne sie wirklich zu zerstören. Laue Lüftchen sorgten für Besinnlichkeit, Geborgenheit und kühle für Erfrischung oder auch Ernüchterung.

Lieber Gerrit, ich danke dir für deine Anregung, die, so finde ich, den Nagel auf den Kopf getroffen hat.
Natürlich werden die folgenden Seiten und Geschichten durch meine persönlichen Eindrücke und Meinungen beeinflusst sein. Dennoch habe ich die Dinge, dafür lege ich meine Hand ins Feuer, genau so empfunden bzw. in Erinnerung, wie ich sie hier zu Papier gebracht habe. Wenn eure Wahrheit oder Erinnerung an vergangene Zeiten oder Erlebnisse eine andere ist, seht es mir bitte nach. Denn das ist wohl das Besondere und es macht das Leben so kreativ und vielfältig. Jeder sieht, empfindet und erinnert sich aus dem Blickwinkel, der ihm im Leben zuteilwurde oder den er sich selbst ausgesucht hat. Genau wie der Anblick der Farben: In vielen Facetten strahlend, wirken sie auf jeden Betrachter anders.
Er liebt mich, er liebt mich nicht
Ich bin 15. Es sind Sommerferien und ich habe den ersten Ferienjob. Ich arbeite an „meiner“ Schule, der Heinrich-Zille-Oberschule in Berlin-Friedrichshain, betreue dort die Ferienkinder der unteren Klassen. Man nennt es Ferienspiele.
Jemand schickt mich Tee holen. Auf dem Weg in den Speisesaal schaue ich neugierig in die verschiedenen Klassenzimmer. Überall Trubel, spielende und lachende Kinder und Erzieher, die versuchen, den Überblick zu behalten. Manche von ihnen nicht viel älter als die Kinder, die sie betreuen. Dann plötzlich, ich traue meinen Augen kaum, sehe ich i h n. Er neckt sich gerade mit einem Mädchen und verfolgt sie um den Lehrertisch. Ich blieb wie angewurzelt stehen, sah seine strahlend blauen Augen, sah sein Lächeln und war wirklich auf der Stelle verliebt.
Leider nahm er so gar keine Notiz von mir und es kostet mich einige Anstrengungen und wochenlange Geduld, bis wir uns zum ersten Mal persönlich gegenüberstehen. Weitere Wochen werden vergehen, bis er mir, auf seine ganz unverwechselbare Art, zu verstehen gibt, dass es auch bei ihm gefunkt hat. Am 7. Oktober 1975 war es endlich soweit, denn nun war klar: – Wir gehen miteinander. – 15-jährig, ein Mädchen auf dem Weg zur Frau, war ich mit meinem ganzen Herzen, zu Hause angekommen. Viele Skeptiker tuschelten und gaben uns nicht viele Chancen. Das Ende war bereits, auch bei Familienmitgliedern, beschlossene Sache. Aber wir konnten sie eines Besseren belehren.
In den vergangenen gemeinsamen 35 Jahren wurde unsere Liebe stets tiefer und inniger. Viel haben wir miteinander und füreinander erreicht und gemeistert. Es gab Höhen und Tiefen und ich möchte nicht verschweigen, dass wir, im Laufe dieser Jahre, natürlich auch Konflikte austrugen. Meist souverän, sachlich und leise. Aber, ich würde sonst lügen, es gab auch diese lautstarken und emotionsgeladenen Wortgefechte. Ich erregt, vor Wut schon schäumend und um Fassung ringend. Er gelassen und fast immer, in solchen Situationen, entgegnend: “Ist doch gut“. Worauf es mit meiner Fassung endgültig vorbei war und mich einmal sogar dazu brachte, den Inhalt meines Rotweinglases treffsicher in seine Richtung zu schicken. Aber dennoch kamen wir niemals auf die Idee, unsere Liebe infrage zu stellen. Es galt immer: ein Leben ohne den anderen, ganz einfach undenkbar.
Irrungen und Wirrungen
Wir verbringen von nun an die Zeit, so oft es geht, miteinander, lernen uns ganz behutsam kennen und sind sehr glücklich. Uns einander körperlich zu nähern, fällt beiden schwer. So bleibt es erst einmal beim Händchen halten.Später dann wird der Mont-Klamott*, im Volkspark Friedrichshain, zu einem unserer Lieblingsplätze. Wir genießen es, dort auf einer Bank zu sitzen und die Ruhe und Nähe zu spüren. Später nehmen wir uns an die Hand und laufen, so schnell, als ginge es um unser Leben, den Berg hinab. Unten angekommen fallen wir uns in die Arme und küssen uns befreit und zärtlich. Millionen Schmetterlinge im Bauch, die uns begleiten.Wir werden immer mutiger, erkunden und erkennen uns Schritt um Schritt. Wir reden, erleben die ersten schüchternen Berührungen und das „Erste Mal“. Meine Tage sind erfüllt von Sehnsucht, Liebe und Freude. Alles andere, so auch die Schule, ist, besonders zum Leidwesen meiner Eltern, nicht mehr ganz so wichtig.

Mein Vater, der die Veränderungen an mir misstrauisch beobachtete, macht es mir nicht leicht. Er reagiert recht unwirsch, lautstark und oft ungerecht. Regelmäßig liegen wir uns deshalb in den Haaren. Natürlich wusste ich im Grunde meines Herzen, worum es ihm wirklich ging. Er liebte mich sehr und es war schwer für ihn, mich ziehen zu sehen. Aber auch ihm, wie Millionen Vätern vor und nach ihm, gelingt es nicht, den Lauf des Lebens aufzuhalten.

Ein Familienurlaub – übrigens der Letzte in dieser Zusammensetzung – brachte dann die entscheidende Wende. Wir verlebten ihn in Diedrichshagen, im Ferienheim „Uns Hüsung“. Rechte Lust hatte ich, ehrlich gesagt, nicht. Die Trennung von Dirk fiel mir nicht leicht. Handys gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht und so war es kaum möglich, regelmäßig Kontakt zu halten.

Dirk ging es wohl ähnlich und so fuhr er stundenlang mit seinem Moped, einem Star, um mir nahe zu sein. Bei seiner Oma in Rostock kam er unter. Ich freute mich riesig auf ihn, denn mich plagte die Sehnsucht und ich demonstrierte bereits lange Weile. Das brachte natürlich wieder Unmut bei meinen Eltern. Meine Undankbarkeit wurde getadelt.

Dann endlich war Dirk da und ich konnte wieder strahlen.

So kam, was kommen musste, mir wurde vorgeworfen, den Familienurlaub zu boykottieren und damit auch allen anderen Teilnehmern die Freude böswillig zu verderben. Dass es eigentlich nur seine eigene Unzufriedenheit betraf, die allen schwer im Magen lag, sah mein Vater erst viel später ein.

Dann, an einem sonnigen Tag, wir waren auf dem Parkplatz, direkt hinter den Dünen verabredet, geschah es. Ich wartete bereits und auch Dirk kam pünktlich, wie ein Maurer, mit seinem Moped angefahren. Ich erkannte ihn immer schon von Weitem. Er saß kerzengerade auf der Maschine und beugte sich beim Gas geben, auf seine ganz bestimmte Art. Die Haare, ja, damals hatte er noch viele davon, wehten im Wind. Er war braun gebrannt, was seine Augen noch leuchtender erscheinen ließ.

Ein vom Parkplatz kommender PKW nahm ihm plötzlich die Vorfahrt. Er stürzte. Bei meinem Vater, der – war er mir gefolgt, war es Zufall? – alles gesehen hatte, setzte sofort der Beschützerinstinkt ein. Er zog den vermeintlichen Täter aus dem Wagen und stellte ihn lautstark zur Rede. Dieser versprach, so hatte ich den Eindruck, auf das Leben seiner Mutter, sofort, sich um alles zu kümmern, was er dann auch wirklich tat. Ich glaube, er wollte meinem Vater auf gar keinen Fall nochmals begegnen. Ab diesem Moment war alles anders. Dirk war sein Sohn und sollte es, bis zu seinem letzten Lebenstag, von ganzem Herzen bleiben.

Der erste Besuch bei Dirks Oma stand an. Die Familienverhältnisse waren durch Scheidung, Kinderverteilung, Patchwork und noch ein paar gemeinsamer Kinder für Außenstehende wirklich schwer zu durchschauen. So musste Dirk mir immer und immer wieder erklären, wer wann und mit wem und auch wer zu wem, damit ich mich bei Erzählungen in diesem Wirrwarr irgendwie zurechtfand und nicht ganz dumm dreinschaute.

Ich war sehr angespannt und aufgeregt, natürlich war es mir sehr wichtig, einen positiven Eindruck zu hinterlassen. Schon als ich sie erblickte, war ich beeindruckt. Eine kleine drahtige Frau, mit einem strengen Haarschnitt und wie ich sofort bemerkte, Haare auf den Zähnen, öffnete uns die Tür. Für Dirk hatte sie gekocht, für mich reichte es an diesem Tag leider nicht. Aber einen Teller Erdbeeren mit Milch bekam ich dann doch noch ab. Beim Essen musterte sie mich und fragte Dirk: “Wie frisst denn die?“ Ich hatte den Ellenbogen aufgestützt. Natürlich war ich geschockt und wäre am liebsten geflüchtet. Aber später, als ich den Mut hatte, ihr entsprechend zu begegnen, lernte ich sie als liebenswerte und lustige Person kennen, mit der ich mich von da an prima verstand. Was sie aber immer blieb, war die Oberschwester der Kiefernchirurgie, Schwester Hedwig eben, die jederzeit bereit war, ihren Lieblingsspruch „Ich hau dir gleich das halbe Maul weg“, an den Mann zu bringen.

Es dauerte noch geraume Zeit, bis ich auch zum ersten Mal Dirks elterliche Wohnung betreten werde. Sein Vater störte sich nicht an meiner fröhlichen und unbefangenen Art und hieß mich sofort willkommen. Ich bemerkte aber sehr schnell, dass ich zum damaligen Zeitpunkt nicht unbedingt diese Art von Mädchen war, die seine Mutter sich für ihn vorstellte.

So befand ich mich einige Zeit im Schatten meiner zukünftigen Schwägerin, Sabine, die mit mir ein paar Jahre die gleiche Klasse besuchte und dann zur EOS* wechselte, um das Abitur abzulegen. Ganz nebenbei und gut verpackt wird sie mir bei jeder möglichen Gelegenheit, als das „Paradebeispiel“ vorgeführt. Ehrgeizig in der Schule, als älteste von drei Töchtern fleißig im Haushalt der Eltern, bereits mit besten Kochkünsten ausgestattet, als ich einen Topf noch nicht von einer Pfanne unterscheiden konnte. Später dann, wohl bedacht der Nachwuchs und eine nahtlose und bemerkenswerte Karriere als Biochemikerin.

Was aber letztendlich irgendwann bei dieser Entwicklung auf der Strecke bleiben wird: – Familiensinn und Zwischenmenschlichkeit. – Auch wenn ich bis heute wirklich große Hochachtung vor ihrer beruflichen Entwicklung habe, bedaure ich sie und die Menschen, die sich dieser emotionalen Armut unterwarfen, zutiefst.

Der Weg, bis zu dieser Einsicht, ist aber lang, steinig und oft schmerzlich. Das Verhältnis zu Dirks Mutter wird sich im Laufe der Zeit entspannen. Mittlerweile kann ich mir keine besseren Schwiegereltern vorstellen.

Irgendwann lag es für uns nahe, trotz oder vielleicht sogar wegen dieser spürbaren Zurückhaltung, unsere Eltern miteinander bekannt zu machen. Mit einem großen Familiensinn ausgestattet, war Harmonie uns sehr wichtig.

Mein Vater, zum damaligen Zeitpunkt Abteilungsleiter für Obst, Gemüse und Speisekartoffeln im Ministerium für Handel und Versorgung und mein Schwiegervater bei den bewaffneten Organen – gab es wohl für uns Kinder bei der Partnerschaftswahl einige Regeln zu beachten. So war es wichtig, „kaderpolitisch“ einwandfrei zu sein. Wenn ich ehrlich bin, war mir das persönlich völlig gleichgültig und ich hätte für eine Liebe darauf keine Rücksicht genommen. Aber, wie der Zufall es wollte, wir waren es ja. Keine West-Verwandtschaft, na gut, keine, mit der wir persönlichen Kontakt pflegten. Die Welt war also grundsätzlich in Ordnung.

Es unterschieden sich aber die Familien in ihrer persönlichen Lebensweise in einigen Punkten ungemein. Dirks Vorfahren und Wurzeln, die in Mecklenburg-Vorpommern zu finden sind, väterlicherseits, hochgebildet und in entsprechenden Berufen tätig, verschrieben ihr Herz, aufgrund ihrer Kriegs- und Lebenserfahrungen, ohne Wenn und Aber, dem Sozialismus. Mütterlicherseits sah es da etwas anders aus. Politisch doch eher skeptisch, zurückhaltend und manchmal kritisch, hielt man immer persönlichen Kontakt zu denen, die sich irgendwann auf den Weg gemacht und nun im „Westen“ wohnten. So gab es zwischen diesen beiden Parteien immer eine gewisse Disharmonie.

Dagegen waren die Wurzeln meiner Familie ausschließlich in Berlin zu finden und gehörten eher der Arbeiterklasse an. Mein Vater war bis dahin von ihnen wohl der Erste und einzige, der eine höhere Bildung genoss. Auch hier trennten sich die persönlichen Ansichten ungemein. Väterlicherseits fühlte man mit dem Herzen rot, mütterlicherseits gab es ein paar braune Punkte in der Vergangenheit, die man bitter bezahlte. Später hielt man sich auf dieser Seite bedeckt und sehr zurückhaltend. Zu meinem Vater, der damals Mitglied der SED* wurde, sagte meine Oma Hildchen: “Manfred, es gibt kein tausendjähriges Reich. Vergiss das nie. Alles hat einmal ein Ende, auch dieses System.“ Dass sie recht behalten würde, ahnte damals natürlich noch niemand. Durch ihren Tod im Jahre 1988 blieb meiner Oma diese Erfahrung, mit allen Folgen für die Familie, glücklicherweise erspart.

Auf beiden Seiten gab es durch den Mauerbau natürlich Trennungen und Schicksale. Ein Teil der Familie war, von einem Tag zum andern, nicht mehr erreichbar. Dies wurde aber von beiden Seiten völlig unterschiedlich verarbeitet.

Oder mein Vater, der im Osten lebte, lernte und arbeitete, aber im Westen Fußball spielte. Sehr begabt und vielleicht eine Karriere vor sich, musste er sich dann entscheiden.  Obwohl, wie ich bereits schrieb, in den Wurzeln und auch im Herzen rot, hielten wir uns nicht immer an die Maxime der Partei.

Das Westfernsehen zum Beispiel, das seit meiner frühesten Kindheit zu meinem Leben gehörte, war bei Dirk zu Hause absolut tabu. Natürlich schauten sie manchmal, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, mit der Mutti, aber das waren Ausnahmen. So musste ich ihm ganz sensibel, so dachte ich jedenfalls, beibringen, dass es bei uns etwas anders läuft. Es störte ihn aber nicht die Bohne. Im Gegenteil, von nun an saß man gemeinsam vor der Röhre und schaute den Fußball, hier und dort.Mir fällt in diesem Zusammenhang eine, daraus resultierende, Geschichte ein. Mein Bruder Torsten, damals vielleicht vier oder fünf Jahre alt, antwortete auf die Frage, was er am Abend im Fernsehen gesehen hatte so, wie er es verstanden hatte: „Das weiß ich nicht mehr, übers Fernsehen darf man nämlich nicht sprechen“. Ja, er nahm es eben mit der Wahrheit sehr genau und natürlich, eine peinliche Situation für meine Eltern. Genauso hätte er auch sagen können: „Na Westen.“ So war es aber wohl in vielen Familien, es gab zwei Wahrheiten, was uns Kinder manchmal wirklich in Schwulitäten brachte.Dennoch war ich in der Lage, mein eigenes Weltbild zu entwickeln. Trotz der Beschallung aus dem Westen – von der Regierung gefürchtet und deshalb unerwünscht –, war ich von der Idee des Sozialismus von ganzem Herzen überzeugt und engagierte mich im Laufe der Jahre entsprechend. Ich konnte aber auch mit kritischen Stimmen umgehen, wenn ich die Beweggründe verstand, sorgten sie doch dafür, Fehlentwicklungen zu erkennen, zu korrigieren und bedeuteten für mich, Verbesserung und Weiterentwicklung.Auf die Frage, wie er Freiheit definiert, antwortete mein Vater: “Schon Rosa Luxemburg sagte, Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden!“ Auch wenn ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz verstand, prägte mich diese Sicht später in entscheidender Weise.
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